ausstellungstext romin walter “inherent stress”

 

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Stress Spannung Druck – physische & psychische Eindrücke

Romin Walter’s Skulpturen stellen Situationen dar, die von Kraft bestimmt sind. Sie zeigen, wie durch Kraftverhältnisse Spannung und Druck aufgebaut werden. Somit sind sie einerseits durch ihre Stärke und andererseits durch ihre extreme Fragilität gekennzeichnet. Wird ein Teil entnommen, fällt alles in sich zusammen.

Die kraftvollen Skulpturen erinnern an Michel Foucault’s Ideen von Macht. Foucault’s komplexer Machtbegriff betont die produktive Wirkung von Macht: Sie verhindert nicht nur oder schränkt ein, sondern hat eine produktive Wirkung. Sie ist produktiv, weil sie allgegenwärtig ist, nichts existiert außerhalb von Machtbeziehungen. Gleichermaßen funktionieren die Skulpturen als abgeschlossene Einheiten, die durch Macht- oder Kraftbeziehungen bestehen und durch ebenjene erst zu dem werden, was sie sind. Foucault denkt Machtverhältnisse relational, Macht ist nicht (nur) im Besitz einer Person oder Institution, sondern verschiebt sich, kann in alle Richtungen wirken und ist dabei dezentral und performativ. Foucault beschreibt Macht als Wirkungen in einem Netz von verschiedenen diskursiven oder nicht-diskursiven Praktiken. Diesen Wirkungen, die Foucault auch als Mikrophysik der Macht bezeichnet, kann die Betrachterin in Romin Walter’s Skulpturen nachspüren. Als nicht-diskursive Praktiken der Macht nennt Foucault zum Beispiel architektonische Gebäude oder Institutionen und als solche können die Skulpturen in ihrer Wirkung als eine Abbildung von Macht gelesen werden. Sie wirken auf den umgebenden Raum und strukturieren gleichzeitig den ihnen inhärenten Raum durch ihre von Eigenspannung aufgeladene Präsenz.

Materialien und Herstellungsprozesse

Die Wirkung von Romin Walter’s Arbeit entfaltet sich nicht zuletzt durch ihren Entstehungsprozess und durch die Wahl der Materialien. Romin Walter zelebriert den gesamten Entstehungsprozess der Skulpturen. Er bezieht Auf- und Abbau in das Skulpturwerden mit ein. Dadurch und durch die fragile Spannung die den Arbeiten innewohnt erweitert er, in eigenen Worten, sein Verständnis von Skulptur um Raum und Zeit.

Die Materialität der Arbeiten weist zusätzlich in eine interessante Richtung. Durch die Nutzung von weißem Marmor aus Carrara, Betonstein oder Polycarbonat (ein thermoplastischer Kunststoff) gelingt eine Verunsicherung der Natur – Kultur Dichotomie. Während die Marmor und Steinelemente einen klaren Bezug zu Natürlichkeit herstellen, verweisen die Kunststoffe und insbesondere der gegossene Betonstein einerseits auf Kultur – auf die künstliche Herstellung und Anpassung von Materialien – und andererseits auf eine Auflösung jener Dichotomie innerhalb der Werke von Romin Walter. Grenzauflösungen von Natur und Kultur sind wichtiger Bestandteil in feministischen und queeren Diskursen. Die Naturalisierung von Geschlechterrollen (Mann = Kultur, Frau = Natur) wird von diesen Theorierichtungen kritisiert. Durch die Verbindung beider Elemente und ihre Verwischung oder Neubesetzung innerhalb der Arbeiten, kann in diesen eine queere, nicht-binäre Körperlichkeit gelesen werden, die weder männlich noch weiblich ist, sondern uneindeutig bleibt.

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Gebäude – Nicht-Orte

Der Bezug zwischen Werk-Körper und menschlichem Betrachter_innen-Körper spielt in der Konzeption der Arbeiten ebenfalls eine Rolle: so haben die Arbeiten alle in etwa die Größe eines durchschnittlich großen Menschen. Dadurch sollen sie wie Strukturen aus dem Alltag wirken. Damit sind sie als Ausschnitte der uns umgebenden Strukturen, im Maßstab des Menschen zu lesen. Die Skulpturen stellen erlebbare Raumsituationen dar, die an architektonische Gebäude erinnern. Besonders die Arbeit 15.1.(horizontal depression/inherent stress) weist diese räumlich-architektonische Komponente auf und ruft Assoziationen an ein bis zum Bersten aufgespanntes Gebäude hervor. Von dem zweiseitigen Pfeil, der die Skulptur bis an ihre Grenzen dehnt, geht eine ungemeine Kraft aus, die aber andererseits durch die klaren Strukturen des Gebäudes eingegrenzt wird. Sicherheit und Unsicherheit heben sich hier fast gegenseitig auf. Gleichzeitig ist das Gebäude leer und kühl, klar strukturiert. Einzig die Spannungsverhältnisse erzeugen Emotionen bei der Betrachterin. Romin Walter’s Arbeiten können hier in der Tradition Marc Augé’s als Nicht-Orte gelesen werden. Nicht-Orte, als spezifische Orte unserer Zeit (wie beispielsweise Flughäfen, Geflüchtetenlager, Messehallen, Bankfilialen, Hotelketten) sind Orte ohne Identität, die sich weder relational noch historisch bezeichnen lassen. Orte ohne Geschichte, mit einem Übermaß an Zeit, Raum und Individualität. Sie sind gekennzeichnet vom Provisorischen und Ephemeren, Dimensionen die sich schlecht greifen lassen. Die offenen Flächen, das spiegelnde Plexiglas, welches partiell die Betrachterin oder den umgebenden Raum widerspiegeln und verzerren, Flächen ohne eindeutigen Bezug zu ihrer Funktion – all das ruft Assoziationen an diese Orte des Wartens, sich Verlierens, Ausharrens hervor. Sie sind provisorisch, sie werden wieder verschwinden, aber genau dadurch entsteht ihre extreme Spannung, die voller Möglichkeiten zu sein scheint.

Architektonische Bezüge

Inspiration für die ephemeren, gebäudeähnlichen Raumkonstellationen findet Romin Walter in den einheitlichen Vorstädten Süddeutschlands, in Westdeutscher Architektur, im Bauhaus, im  Städtebau der Moderne und Postmoderne. In diesem Sinne lassen sich die obengenannten theoretischen Assoziationen der (Post)Moderne auch in der Formsprache der Arbeiten wiederfinden. Architektur soll nicht nur auf ihre Funktion beschränkt sein, sondern auch Inhalte vermitteln, sie spielt mit Nachahmung, Spiegelung oder Zitaten. Diese formbezogenen Referenzen sind deutlich zu erkennen. Allerdings sind etwaige Inhalte die die Arbeiten vermitteln (könnten) weder klar zu umreißen noch in der Formsprache sichtbar. Vielmehr bietet die extreme Spannung die von den Werken ausgeht Anhaltspunkte, sich mit diesen Mikrophysiken der Macht auseinanderzusetzen, die Leere und das Provisorische des Nicht-Ortes auf sich wirken zu lassen, und die Uneindeutigkeit ihre ganz eigenen, gedanklichen und emotionalen, Wege einschlagen zu lassen.

 

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